Warum das wahre Leben zwischen den Zeilen stattfindet
Warum schreiben oft gerade die Umwege, die Brüche und die schrägen Macken eines Menschen die schönsten Geschichten einer Lebensfeier?
Der Soziologe Erving Goffman prägte das Bild vom Leben als Theater: Wir alle spielen Rollen, wir nutzen Requisiten und wir achten penibel auf unsere Fassade. Im Alltag ist das oft notwendig, um zu funktionieren. Doch es gibt Momente im Leben, da sollte der Vorhang fallen. Da darf die Maske weichen, damit die Persönlichkeit eines Menschen gewürdigt wird und nicht nur ein starrer Lebenslauf. Warum aber fühlen sich dann so viele Zeremonien so maskenhaft an?
Wenn das „Theater“ die Wahrheit verschluckt
Letztes Jahr saß ich auf Beerdigungen, die sich wie schlechte Theaterstücke anfühlten. Die Rollen waren klar verteilt, die Texte wirkten wie auswendig gelernt, doch der Mensch, um den es eigentlich ging, war in diesem „Stück“ gar nicht anwesend. Stattdessen wurde lediglich ein Lebenslauf verlesen. Es wurden Floskeln rezitiert, die nichts mit dem echten, oft wunderbar chaotischen Leben der Verstorbenen zu tun hatten. Die Persönlichkeit wurde schlichtweg übergangen.
Ich saß in kalten Kapellen und hörte Reden, die so austauschbar waren. Die Namen hätten einfach nur ersetzt werden können. Da wurde ein ganzes Leben (mit all seinen Kämpfen, seinen Lachern, seinen schrägen Angewohnheiten und seiner Liebe) in fünfzehn Minuten lieblos abgehandelt.
Das Leben findet „dazwischen“ statt
Eine Abschiedszeremonie sollte der Moment sein, in dem die Masken fallen dürfen. Das wahre Leben findet doch genau zwischen den Zeilen des Lebenslaufs statt – in jenen Lücken, die wir in klassischen Bewerbungen tunlichst verschweigen würden. Aber genau das macht uns doch erst aus!
Versteht mich nicht falsch: Die Lebensstationen sind wichtig, sie bilden den Rahmen. Aber der Inhalt, die Farbe, das Herzstück – einfach das zutiefst Menschliche, dass ist es, was eine Persönlichkeit ausmacht. Und genau diese Echtheit, dieses Menschliche, fehlte mir bei den Abschieden. Das hat mich wütend gemacht. Ich fand es unfair und unwürdig. Ein Mensch, der Jahrzehnte auf dieser Erde verbracht hat, hat mehr verdient als ein Standard-Satz wie: „Man kannte ihn als fleißigen Arbeiter.“ Dieser Mensch hat ein Echo verdient, das sein Sein widerspiegelt – und nicht nur die Rolle, die er vielleicht für die Nachbarn gespielt hat.
Es ist das, was ich selbst bei meiner eigenen Hochzeit in Island gelernt habe: Es war für uns „perfekt“. Weil wir es waren, so wie wir sind. Für andere wäre es nicht „perfekt“ gewesen. Aber was ist schon „perfekt“? „Perfektion“ ist kein objektives, naturgegebenes Merkmal, sondern ein soziales Konstrukt.
Meine Entscheidung: Lebensfeiern statt „Abwicklungen“
In diesem Moment habe ich mich entschieden: ich werde Freie Rednerin. Nicht, weil ich gerne im Mittelpunkt stehe, sondern weil ich es nicht mehr ertragen habe, wenn Leben lieblos „abgewickelt“ werden.
Ich verstehe die Mechanismen unserer Rollenspiele, aber als eure Rednerin sehe ich meine Aufgabe darin, einen Raum zu schaffen, in dem wir die Masken kurz ablegen dürfen. Ich möchte keine Reden halten, die nur das Ende verwalten. Ich möchte Lebensfeiern gestalten, die dem Leben ein echtes Echo geben. Geben wir dem Menschen die Ehre, die er oder sie verdient.
Was ich euch verspreche: Ich bin die Rednerin für Menschen, die keine Lust auf „Theater“ haben, wenn es um das Wesentliche geht. Ich höre zu, wo andere nur hinhören. Denn jeder Mensch hat eine Zeremonie verdient, die kein bloßes Schauspiel ist, sondern ein ehrliches Echo seiner ganz persönlichen Lebenszeit.

