Wo die Geschichten meiner Mama wohnen

Meine Reise nach Kirgistan zu den Wurzeln meiner Familie

Für das, was in Familien am Küchentisch passiert, gibt es einen Begriff: das kommunikative Gedächtnis. Dieses Gedächtnis lebt nicht in Archiven, sondern in Menschen. Es existiert nur, solange jemand erzählt und jemand zuhört. Und es reicht selten weiter als drei Generationen zurück.

Ich kenne dieses Gedächtnis seit meiner Kindheit. Es hat die Stimme meiner Mama, wenn sie von früher erzählt, von der Schule, den Wegen und den Menschen aus Kirgistan.

In diesem Sommer habe ich Kirgistan zum ersten Mal betreten, gemeinsam mit meiner Familie, dort, wo meine Mama herkommt.

Heimkehr in ein Land, das ich noch nie gesehen hatte

Die ersten Tage verbrachten meine Eltern, mein Mann und ich zusammen. Meine Mama zeigte uns alles. Ihre alte Grundschule. Die Häuser, in denen sie mit ihren Geschwistern und ihren Eltern gelebt hat. Aus Erzählungen wurden reale Mauern, Türen und Wege. Wege, die sie von der Schule nach Hause gegangen ist. Das Café, das sie zuletzt vor rund 50 Jahren betreten hatte.

Ich sah und hörte meiner Mama dabei zu, wie sie durch ihre eigene Kindheit ging. Sie erzählte von dem Hund, der sie jedes Mal beim Heimkommen verpfiffen hatte, von den Umbauarbeiten am Haus, die meine Großeltern gemacht hatten, und davon, wie unheimlich süß die Wassermelonen damals geschmeckt hatten. Ich durfte wirklich Zeugin sein. Es war so viel mehr als eine Reise in ein unbekanntes Land.

Das Wort, das mich in diesen Tagen nicht losließ und bis heute nachschwingt, war Ehrfurcht. Nicht, weil diese Orte spektakulär gewesen wären, sondern weil sie so viel bedeuten. In jedem Winkel steckt ein Stück Leben, das mich geprägt hat, ohne dass ich es je gesehen hatte. Diese Orte haben meine Mama geprägt, und sie mich.

Tief berührt hat mich der Besuch am Grab ihres Bruders. Ich habe ihn nie kennenlernen dürfen. Und doch standen wir dort gemeinsam als Familie, in einem Moment des Innehaltens. Menschen, die nicht mehr da sind, hören nicht auf, zu uns zu gehören. Sie wirken weiter, in Erinnerungen, in Geschichten, in der Art, wie wir von ihnen sprechen.

Familie endet nicht dort, wo das Sichtbare endet.

Kirgistan mit der Buchanka

Nach diesen Tagen verabschiedeten mein Mann und ich uns von meinen Eltern und fuhren allein weiter. Wir haben schlicht unterschiedliche Vorstellungen von Urlaub, und das darf so sein. So bekamen beide Seiten die Reise, die zu ihnen passte. Wiedergesehen haben wir uns erst in Deutschland.

Wir stiegen in eine UAZ Buchanka und fuhren einmal um den Issyk-Kul und hinein in die Berge. Offroad war fast immer angesagt und die Buchanka war das perfekte Auto dafür. Große Empfehlung: https://www.uazbuhankarental.com

Überall bepuderte Gipfel, soweit das Auge reicht, und mittendrin dieser riesige See. Meine Mama war hier schon als Kind schwimmen. Nun sprang ich selbst in den Issyk-Kul hinein, in dasselbe Wasser, in dem sie einmal gelacht und geplanscht hat. Es fühlte sich an, als würde ich eine Linie schließen, die Jahrzehnte und Tausende Kilometer überbrückt.

Die Landschaft hat mir den Atem geraubt. Fast das ganze Land ist Hochgebirge. Das Tian-Shan und das Pamir-Alai ragen mit Gipfeln von über 7.000 Metern auf, und dazwischen liegen weite Steppen, tiefe Schluchten, wilde Flüsse und glasklare Bergseen. Ich hatte den Eindruck, dass die Natur hier noch mit Bedacht behandelt wird. Vielleicht liegt das daran, dass sie seit Jahrhunderten untrennbar zum Leben der Nomadenfamilien gehört.

Die kirgisischen Weiten

Danach ging es für vier Tage aufs Pferd. Auf 3.500 Metern Höhe ritten wir von Jurte zu Jurte. Wir spürten den Rhythmus der Pferde unter uns und hörten den Wind. Über die Wiesen zu galoppieren war einfach unbeschreiblich.

Mit den Kindern der Nomadenfamilien spielten wir in den Bergen Fußball (auf 3.500 Metern Höhe ganz schön anstrengend). Mit Händen und Füßen verständigten wir uns und lachten, bis die Sonne hinter den Gipfeln verschwand. Lachen braucht keine Übersetzung.

Gastfreundschaft in Kirgistan

Was mich auf dieser Reise fast noch mehr berührt hat als die Landschaft, waren die Menschen.

Am Straßenrand bekamen wir Aprikosen geschenkt. In den Jurten wurde für uns gekocht, aus dem, was gerade da war, und dann wurde aufgetischt. Die meisten Gerichte kannte ich von zu Hause, zum Beispiel Plov, Manty und Samsa. Aber hier schmeckten sie noch einmal ganz anders. Abends gab es Kumys, vergorene Stutenmilch. Sehr gewöhnungsbedürftig.

Wir waren Fremde und wurden aufgenommen, als gehörten wir dazu, egal, wo wir einkehrten. Diese Wärme und dieses Teilen ohne Zögern waren mir sehr vertraut, denn so empfängt auch meine Mama ihre Gäste. Für mich war das immer einfach ihre Art, etwas, das zu Hause selbstverständlich war. Hier habe ich sie wiedererkannt und mich zum ersten Mal gefragt, wie viel davon aus ihrer Kindheit und Jugend stammt.

Wer ich bin, wenn ich zurückschaue

Identität ist nichts Festes. Sie ist immer im Werden und folgt nicht einfach aus unserer Herkunft, sondern entsteht auch daraus, wie wir mit ihr umgehen und welche Geschichten wir über uns selbst erzählen. Dazu tragen die Menschen bei, die uns nahestehen, denn wir hören ihre Geschichten am Küchentisch und erleben mit, wie sie leben. Daraus entsteht unsere eigene Erzählung, und wie sie weitergeht, bleibt uns überlassen.

Lange gab es für mich zwei getrennte Welten: das Hier, in dem ich aufgewachsen bin, und das Dort, das ich nur aus den Erzählungen meiner Mama kannte. Dazwischen lag eine Lücke, die ich nie ganz benennen konnte.

In Kirgistan hat sich diese Lücke ein Stück geschlossen. Ich stand an den Orten, von denen sie erzählt hatte, hörte ihr zu und konnte zum ersten Mal wirklich spüren, was sie mit ihnen verbindet. Ich war dort weder Touristin noch Einheimische, sondern irgendwo zwischen beidem. Und das fühlte sich nicht fremd an.

Was ich mitnehme

Lange waren die Geschichten meiner Mama für mich ihre Geschichten. Seit dieser Reise gehören sie auch zu mir. Nicht, weil ich den Schulweg oder den Hund selbst erlebt hätte, sondern weil ich sie von klein auf gehört habe und nun die Orte kenne, an denen sie spielen. Es bleiben ihre Erinnerungen.

Auch ich habe in Kirgistan Wassermelone gegessen. Wie sie damals für meine Mama geschmeckt hat, kann ich trotzdem nur erahnen, denn jeder Mensch empfindet Süße anders. Wenn sie von den Wassermelonen erzählt, komme ich ihrer Erinnerung aber ein Stück näher. So werden ihre Geschichten ein Teil meiner eigenen, und ich entscheide mit, was ich daraus mache.

Möglich war das, weil meine Mama erzählt hat und ich zugehört habe. So lebt das kommunikative Gedächtnis weiter, von Mensch zu Mensch. Es bleibt nur lebendig, solange jemand erzählt und jemand zuhört, und manchmal fängt es mit einer Frage an.

Vielleicht magst du es selbst ausprobieren. Frag nach, bei deinen Eltern, deinen Großeltern oder bei Menschen, die dir von früher erzählen können.

Woher kommt unsere Familie? Wie sah dein Schulweg aus? Wie haben bei dir als Kind die Sommer geschmeckt? Welche Geschichten wurden bei uns immer wieder erzählt, und worüber wurde geschwiegen? Manche Antworten sind leicht, andere nicht. Beides gehört dazu.

Eine Frage stelle ich auch mir selbst. Was möchte ich einmal weitergeben? Vielleicht sitze ich eines Tages am Küchentisch und erzähle von der Schule meiner Mama, vom Issyk-Kul und von dem Abend, an dem ich zum ersten Mal Kumys getrunken habe.

Unsere Wurzeln sehen wir nicht immer. Aber sie sind da, und wir dürfen entscheiden, ob und wie wir uns auf ihre Geschichten einlassen.

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Eure Geschichte in Worten, die bleiben. Freie Reden mit Herz und Verstand.

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